Der Zentaur

Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen – Erwachsenen damit sie aufwachen.

Es war einmal ein Zentaur, der war, wie alle Zentauren, Halb Mensch und halb Pferd.
Eines Nachmittags,, während er so über die Wiese trottete, überkam ihn Hunger.
„Was soll ich essen? „ dachte er. „Einen Hamburger oder Klee? Klee oder einen Hamburger?“
Und da er sich nicht entscheiden konnte, aß er nichts.

Die Nacht brach herein, und der Zentaur wollte schlafen gehen.
„Wo soll ich wohl schlafen?“ dachte er. „Im Stall oder im Hotel? Im Hotel oder im Stall?“
Und weil er sich nicht entscheiden konnte, schlief er nicht.

Weil er weder aß noch schlief, wurde der Zentaur krank.
„Wen soll ich bloß herbeirufen?“ dachte er. „Einen Arzt oder einen Veterinär? Einen Veterinär oder einen Arzt?“
Und weil er sich nicht entscheiden konnte, wen er herbeirufen sollte, starb der Zentaur an seiner Krankheit.

Die Leute im Dorf besahen sich den Leichnam und hatten Mitleid mit ihm.
„Wir müssen ihn begraben“, sagten sie. „Nur wo? Auf dem Dorffriedhof oder auf dem Feld? Auf dem Feld oder auf dem Dorffriedhof?“
Und weil sie sich nicht entscheiden konnten, fragten sie den Erzähler der Geschichte, und weil der nicht an ihrer Statt entscheiden konnte, rief er den Zentaur ins Leben zurück.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

(aus: Jorge Bucay, Komm, ich erzähl dir eine Geschichte, Meridiane, Ammann, Zürich, 2005)

Quellen: 1, 2

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