Abitur

Krönung und Tragödie eines Schülerlebens

(inspiriert von Simons Clemens Blogartikel – danke!)

WICHTIG: Bis zum Ende lesen!

Das Abitur stellt den höchsten deutschen Schulabschluss dar und ist gleichzeitig das Ergebnis eines Schulsystems, das dich als Schüler nicht ernst nimmt.

Die letzte Abiturprüfung: Nervös bis hyperaktiv warten die Schüler auf die Aufgaben. Anschließend folgt das, was man in Deutschland mit dem Begriff Prüfungssituation meint: Knapp hundert Köpfe, über ihre Tische gebeugt, bei dem stressigen Versuch, dass Maximum ihres Intellekts, auf das Blatt vor sich zu bringen. Man könnte diesen Vorgang auch als fünfstündiges Tetrisspiel beschreiben, bei dem man sein erlerntes Wissen, möglichst effizient auf die gestellten Fragen zu sortieren versucht.

Mittags verlässt du den Prüfungsraum: Einen Krampf in der rechten Hand und zehn Minuten später den Inhalt einer Sektflasche im Blut. Wie könnte man auch das Ende von vier Wochen kognitiven Hochleistungsdrucks besser Feiern als mit Alkohol? Also entscheidet sich der Großteil des Jahrgangs dazu, seine Hirnfunktion vorübergehend auf ein Fünftel zu herunterzutrinken.
Nach vierundzwanzig Stunden und zwei Aspirin wird dir bewusst, dass sich dein Leben als Schüler langsam dem Ende zuneigt. Fast dreizehn Jahre hast du nun im Klassenzimmer verbracht.

Das bemerkenswerte ist, dass die Abiturprüfungen der letzten Wochen deine gesamte Schulzeit in ihrer grundlegenden Struktur zusammenfasst: Seit du denken kannst stellt dir die Schule mithilfe eines Lehrplans Fragen, die du anschließend mit ihren eigenen Antworten bearbeitest. Das Rekonstruieren der Antworten nennt sich Lernen und das Aufschreiben des Gelernten Klausur. Während diesem Prozedere erschaffst du jedoch kaum Wissen, sondern konsumierst es einfach in der Menge, wie es dir die Schule präsentiert. Lernen entspringt keiner persönlichen Relevanz, sondern wird zu einem Nachvollziehen fremder Denkprozesse innerhalb der Rhetorik sinnentleerter Wörter und Zahlen.
Somit verfault Bildung zu einem endlosen Herumwälzen bedeutungsloser Inhalte, wobei du nicht lernst, sondern belehrt wirst, nicht gestaltest, sondern konsumierst, und nicht denkst, sondern nachdenkst, was andere vorgedacht haben.

In dreizehn Schuljahren wirst du nie gefragt, wer du bist, sondern dir wurde immer gesagt, wer du sein musst, um das zu tun, was von dir gefordert wird! Die Schule interessiert sich nur für die Antworten, die sie dir in den Mund gelegt hat. Aber nicht für deine Fragen! 
Hätte ich das früher verstanden, wäre ich Klassenbeste gewesen…

Da es nur Wenigen dauerhaft Sinn spendet, irrelevante Fragen zu beantworten, bekommt das Wort Langeweile im Unterricht regelmäßig eine neue Dimension. Vermutlich ist das Einzige, was in der Schule zuverlässig gelehrt wird, die Erfahrung, dass Lernen eine ähnliche Lebensqualität bietet, wie die Lektüre eines Telefonbuchs. Es scheint absurd, dass jene Institution, die sich die Bildung ihrer Mitglieder zum Ziel gesetzt hat, sich ihrer eigenen Voraussetzungen beraubt, indem sie Eintönigkeit und Lernverdruss vermittelt.

Nur über Umwege abseits der Schule durfte ich erleben, dass Bildung etwas wunderbar sinnvolles und lebendiges sein kann. Ich verstand, dass Lernen immer eine Antwort auf eine persönliche Frage sein muss, wenn es erfolgreich sein will – gewissermaßen eine glaubwürdige Entgegnung auf die eigene Lebensrealität.
Ist es das nicht, wird Bildung zu einem Menü fremder Antworten, bei dem ich fresse, was mir vorgesetzt wird.

Gemästet mit Antworten tritt man dann beim Abitur an, feiert sich anschließend als erbärmliche Kopie von Wikipedia.

Herzlichen Glückwunsch!

Quellen: 1, 2, 3, 4

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